Glei bei Blaubeira leit a Kletzle Blei … – Und daneben die ältesten Kunstwerke der Welt, ausgestellt im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren.

Den Blautopf, eine der größten Karstquellen Deutschlands, kennt fast jeder im „Ländle“. War und ist er bis heute ein beliebtes Ziel für Schulausflüge und Klassenfahrten. Das ausgedehnte Höhlensystem, das sich darunter verbirgt, wurde hingegen durch die spektakulären Tauchgänge des Höhlenforschers Jochen Hasenmayer ab den 1980er Jahren weit über die Landesgrenze hinaus bekannt. Seit 2005 erforscht inzwischen die ARGE Blautopf das noch lange nicht vollständig bekannte Höhlensystem unter der Schwäbischen Alb.

Archäologie, die andere Art der Höhlenforschung

Der Hohle Fels im Achtal - noch sind die Archäologen in der Winterpause und die Höhle gehört den Fledermäusen.

Der Hohle Fels im Achtal – noch sind die Archäologen in der Winterpause und die Höhle gehört den Fledermäusen.

Die wesentlich leichter, da trockenen Fußes zugänglichen Höhlen und Abris rund um das Städtchen Blaubeuren sind dagegen seit rund einhundert Jahren im Fokus der Archäologen, denn im Bereich der Höhleneingänge und unter den Felsdächern haben schon vor 50.000 Jahren die Jäger und Sammler des Paläolithikums Schutz gesucht und dabei ihre Spuren hinterlassen. Neben Waffen und Werkzeugen aus Stein, Knochen und Geweih hinterließen sie auch kleine Kunstobjekte, Schmuckstücke und Musikinstrumente. Es sind die bisher ältesten ihrer Art – weltweit!

Zu sehen sind sie im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren, das nach grundlegender Renovierung und Erweiterung 2014 wiedereröffnet wurde. Das Urmu, wie es genannt wird, war bis dahin ein kleines Museum gewesen, das in einer relativ kleinen Dauerausstellung seinen Besuchern das Leben der Jäger und Sammler in der Zeit von vor etwa 50.000 bis 10.000 Jahren näherbrachte. Mit den spektakulären Funden aus den Nachgrabungen der Universität Tübingen am Vogelherd im Lonetal, und den aktuellen Ausgrabungen im Geißenklösterle und dem Hohle Fels im Achtal seit Ende der 1990er Jahre wurde der Wunsch geboren, diese außergewöhnlichen Artefakte auch vor Ort auszustellen.

Mittelalter meets Moderne

Um diese ältesten Kunstwerke und Musikinstrumente der Menschheit in einem würdigen Rahmen zu präsentieren, wurde das Museum auf das gesamte Gebäude des ehemaligen Heilig-Geist-Spitals, in dem das Urmu schon seit seiner Gründung 1965 untergebracht ist, ausgedehnt. Dazu wurden umfangreiche Renovierungs- und Sanierungsarbeiten durchgeführt, welche das Gebäude aus dem 15. Jh. möglichst original erhalten zugleich aber durch moderne Einbauten, wie Treppenhaus, Lift und Toiletten als Museum nutzbar machen sollten. Heraus kam ein mit Bedacht saniertes Gebäude, in welchem sich Mittelalter und Moderne respektvoll die Hand reichen.

Bewährtes wurde bewahrt

Ein Blick ins "Forscherlabor"

Ein Blick ins „Forscherlabor“

Dasselbe kann man auch für die neue Ausstellung konstatieren: Die „gute alte“ Dauerausstellung im Erdgeschoß wurde im Kern kaum verändert. Mit der Verlegung des Eingangs erhielt sie jedoch einen zusätzlichen Raum, der ausschließlich den Rohstoffquellen der Steinzeitmenschen gewidmet ist, und im ehemaligen Eingangs- und Kassenraum befindet sich nun das „Forscherlabor“, wo sich die Besucher selbst, wie ein Archäologe, mit der Auswertung der Funde versuchen und sich über die verschiedenen archäologischen Methoden kundig machen können.

Von hier gelangt man über das Treppenhaus ins Obergeschoß, wo sich nun alles um die Begriffe Mensch, Kunst und Kultur dreht. In zahlreichen kleinen Räumen wird der Besucher zuerst mit Fragen wie „Was ist Kultur?“ oder „Gibt es einen Kult-Ur-Sprung?“ auf das Thema eingestimmt und taucht nach und nach immer tiefer in die Überlegungen rund um die Begriffe Kunst, Kult und Kultur ein.

P1030848MENSCH – MANN – FRAU – MASKE

Ihren Höhepunkt erreicht die Ausstellung schließlich mit den Schatzkammern, in welchen, ausgehend von den eiszeitlichen Figürchen aus Elfenbein, ein Bogen in die Neuzeit gespannt wird.
P1030878Moderne Kunst, aber auch Madonnenfiguren aus dem Mittelalter oder Masken und Figuren aus fernen Ländern stehen hier den ältesten Kunstwerken der Menschheit gegenüber oder auch zur Seite – und die eine oder andere, durchaus provokante  Darstellung ruft auch Irritation hervor und regt den Besucher an, sich mit seinen eigenen (oft unbewußten) Paradigmen z. B. zum Thema Mensch, Geschlecht und Geschlechterrolle auseinanderzusetzen.

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Elfenbeinflöte vom Geißenklösterle (Foto: J. Lipták, Univ. Tübingen)

FARBE – KLANG – JENSEITS

Doch nicht nur die filigran gearbeiteten Tier- und Menschenfigürchen aus Elfenbein sind in dieser Ausstellung zu sehen. Auch die bisher ältesten Flöten der Welt, gefertigt aus dem Flügelknochen eines Schwans, dem Knochen eines Gänsegeiers sowie aus dem Stoßzahn eines Mammuts. Man kann sogar ihrem Klang lauschen, d.h. dem ihrer modernen Nachbauten und gewinnt dabei einen „lebendigen“ Eindruck der Zeit vor 35.000 Jahren.

Sieht man all diese besonderen Objekte, sei es die Venus vom Hohle Fels, die Flöten, die Tierfigürchen oder die Reste der mit Rötel bemalten Kalksteine, in einem gemeinsamen Kontext, so wird einem bewußt, daß sie vermutlich in einem rituell-kultischen Zusammenhang zu sehen sind. Welche Rolle dabei Mann und Frau, Mischwesen, wie der große Löwenmensch, oder die Musik gespielt haben, können wir selbst mit modernsten archäologischen Methoden nicht ergründen, aber wir kommen beim Versuch, das Geheimnis hinter diesen kleinen Kunstwerken zu lüften, vor allem uns selbst näher, ganz im Sinne Hermann Hesses: „Alle Bücher dieser Welt bringen Dir kein Glück, doch sich weisen Dich geheim in Dich selbst zurück …“

Mein Fazit:

Ich halte die Neugestaltung der Ausstellung für gelungen. Während im Erdgeschoß die Archäologie mit ihren Methoden und ihrem aktuellen Stand der Forschung im Mittelpunkt steht, löst sich die Ausstellung im Obergeschoß vom reinen Stand des Wissens, läßt Interpretation zu und regt zur Auseinandersetzung mit der eigenen Sicht auf die Dinge an, ohne in esoterische Sphären abzugleiten. Für jemanden, der eine Ausstellung erwartet, die die archäologisch-fachlichen Hintergründe dieser Objekte beleuchtet, ist diese Art der Präsentation sicher ungewohnt und überraschend, aber wer sich darauf einlassen kann, erkennt sicher schnell ihren Reiz.

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