4.000 Jahre Pfahlbauten am Bodensee und in Oberschwaben

Die Große Landesausstellung Baden-Württemberg „4.000 Jahre Pfahlbauten“ zu den Siedlungen am Bodensee und in Oberschwaben, von welchen 15 Fundstellen seit 2011 zum UNESCO-Welterbe „Prähistorische Pfahlbauten rund um die Alpen“ zählen. Konzipiert und umgesetzt wurde die Ausstellung vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg und dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungsbezirk Stuttgart.

Was wird gezeigt?

Maske aus Schussenried-Riedschachen. (Original und Rekonstruktion). Die Maske aus der Jungsteinzeit gehört wahrscheinlich in den Zusammenhang der Ahnenverehrung. © Landesamt für Denkmalpflege

Maske aus Schussenried-Riedschachen. (Original und Rekonstruktion). Die Maske aus der Jungsteinzeit gehört wahrscheinlich in den Zusammenhang der Ahnenverehrung.
© Landesamt für Denkmalpflege

Thema der Ausstellung sind, wie der Titel schon sagt, die Pfahlbauten, also Häuser, welche aus langen, in den weichen Untergrund getriebenen Pfählen errichtet wurden, und die daraus entstandenen Siedlungen. Allerdings muß ich hier gleich Einspruch erheben, denn in Oberschwaben würde ich eher nicht von Pfahlbau- sondern von Feuchtbodensiedlungen sprechen. Das ist der Fachbegriff, den Archäologen für diese Art von Siedlungen verwenden. – Aber mal ehrlich, wer, außer uns Archäologen, würde mit diesem Begriff unmittelbar etwas verbinden – und „4.000 Jahre Feuchtbodensiedlungen“ als Titel einer Ausstellung? Ich weiß nicht, …!

Aber genau das zeigt die Ausstellung: Den aktuellen Forschungsstand zur Feuchtbodenarchäologie in Baden-Württemberg, ergänzt durch Funde aus den benachbarten Regionen, also der Schweiz, Österreich, Bayern, Frankreich und Italien, und einigen sehr schönen Stücken aus Slowenien. 

Aufgerolltes Fadenknäuel aus der jungsteinzeitlichen Siedlung von Sipplingen. © Landesamt für Denkmalpflege

Aufgerolltes Fadenknäuel aus der jungsteinzeitlichen Siedlung von Sipplingen.
© Landesamt für Denkmalpflege

Den Großteil der Exponate machen in dieser Ausstellung Fundstücke aus organischem Material aus, denn diese sind es gerade, welche die Feuchtbodensiedlungen zu einer einzigartigen Informationsquelle für die Archäologie machen: Die im Wasser und Moor unter Ausschluß von Sauerstoff erhalten gebliebenen Artefakte aus Holz, Rinde, Bast und anderem pflanzlichen Material zeigen uns welch enorme Vielfalt an Geräten, Werkzeugen, Behältnissen und Textilien den jungsteinzeitlichen Menschen zur Verfügung standen und bezeugen, wie geschickt diese die ihnen zur Verfügung stehenden natürlichen Resourcen zu nutzen wußten. Die Reste ihrer tierischen und pflanzlichen Nahrung geben uns zudem einen weiteren Einblick in ihre Lebens- und Wirtschaftsweise.

Wie ist die Ausstellung aufgebaut?

Gewaltsamer Tod in der Wasserburg Buchau: Kinderschädel mit Hiebspuren, um 900 v. Chr. Die Kinder waren den DNS-Analysen nach nicht miteinander verwandt. Beide aber zeigten Spuren von chronischer Mangelernährung und Atemwegserkrankungen und beide verbrachten ihr kurzes Leben am Ufer des Federsees. Zahnpflege wurde eher kleingeschrieben, trotz des jungen Alters waren die Zähne in keinem guten Zustand. © Archäologisches Landesmuseum, Foto: M. Schreiner

Gewaltsamer Tod in der Wasserburg Buchau: Kinderschädel mit Hiebspuren, um 900 v. Chr. Die Kinder waren den DNS-Analysen nach nicht miteinander verwandt. Beide aber zeigten Spuren von chronischer Mangelernährung und Atemwegserkrankungen und beide verbrachten ihr kurzes Leben am Ufer des Federsees. Zahnpflege wurde eher kleingeschrieben, trotz des jungen Alters waren die Zähne in keinem guten Zustand.
© Archäologisches Landesmuseum, Foto: M. Schreiner

Die Ausstellung ist auf zwei Standorte verteilt: Im Kloster Bad Schussenried werden die jungsteinzeitlichen Siedlungen vorgestellt. Im Federseemuseum in Bad Buchau geht es um die Siedlungen der Bronzezeit.

Die Ausstellung in Bad Schussenried dehnt sich über zwei Stockwerke aus. Auf beiden Etagen wird der Besucher in einem Rundgang durch die farblich und thematisch voneinander abgesetzten Räume geführt.

Einblick in die Chronologie

Einblick in die Chronologie

In der ersten Etage beginnt der Rundgang im Flur mit einer Einführung ins Thema und einer raumfüllenden Animation im ersten Raum, die dem Besucher einen Eindruck vom Aussehen einzelner Siedlungen gibt. In den sich anschließenden, in kräftigem Rot gehaltenen Räumen geht es erst mal um die Chronologie. Raum für Raum durchschreitet man so die für den jeweiligen Zeitabschnitt typischen Kulturen und erfährt welche Neuerungen und Veränderungen von Bedeutung sind.

Die nun folgenden Räume haben jeder für sich einen thematischen Schwerpunkt: Auf der 1. Etage sind dies, wie ich sie nenne, der Grüne und der Blaue „Salon“ mit den Themen „Nutzung pflanzlicher und tierischer Ressourcen“ und „Transport zu Lande“ sowie „Stein ist nicht gleich Stein“ auf dem Flur, wo der Besucher erfährt, woher die Rohstoffe für die Steinbeile stammen.

Rekonstruktion der Kultwand mit allen Figuren © Landesamt für Denkmalpflege , Foto: M. Erne

Rekonstruktion der Kultwand von Bodman-Ludwigshafen mit allen Figuren © Landesamt für Denkmalpflege , Foto: M. Erne

In der Zweiten Etage wird im Flur sehr kurz die Befundlage zu den Bestattungen dieser Zeit vorgestellt, um den Besucher dann im 1. Raum mit einer Animation zur Kultwand von Bodman-Ludwigshafen auf das Thema „Kult, Prunk und Prestige“ einzustimmen, das in den folgenden drei Räumen in sattem Orange ausgebreitet wird. In diesen Räumen werden neben der Maske aus Schussenried-Riedschachen verschiedene Stelen, Prunkäxte und -dolche sowie Schmuck präsentiert.

Von der Faser bis zum Stoff - Flachs wird zu Leinen

Von der Faser bis zum Stoff – Flachs wird zu Leinen

Die letzten Räume, ebenfalls in sattem Orange, widmen sich dem Thema „Alles Gute kommt vom Baum“ und zeigt, wie geschickt Holz, Bast und Rinde genutzt wurde, um Geräte, Werkzeuge, Behältnisse oder Kleidung und sogar einen Hochleistungskleber daraus herzustellen. Und natürlich dürfen hier auch die frühesten Funde von Flachs und Leinen nicht fehlen. Der letzte Raum beschäftigt sich dann mit der Bronze und wendet sich damit dem Ende der Jungsteinzeit zu.

Nun bleibt an diesem Ausstellungsort nur noch, sich mit der “Forschungsgeschichte“, die im Flur vor dem klösterlichen Bibliothekssaal thematisiert wird, zu befassen. Hier wird die Geschichte der Feuchtbodenarchäologie von ihren Anfängen bis zu den modernen Methoden heute dargestellt. Ergänzend hierzu kann man sich im Erdgeschoß einen Film zur Unterwasserarchäologie ansehen.

Nicht nur als Modell, sondern auch als Nachbau im Freigelände zu sehen: Der letzte Pfahlbau: Rekonstruktion der Fischfanganlagen bei Oggelshausen (730–620 v. Chr.). Hintereinander gestaffelte Leitwerke lenkten die Hechte unter die Häuser, wo sie in Reusen gefangen wurden. © Federseemuseum Bad Buchau

Nicht nur als Modell, sondern auch als Nachbau im Freigelände zu sehen: Der letzte Pfahlbau: Rekonstruktion der Fischfanganlagen bei Oggelshausen (730–620 v. Chr.). Hintereinander gestaffelte Leitwerke lenkten die Hechte unter die Häuser, wo sie in Reusen gefangen wurden.
© Federseemuseum Bad Buchau

Mit der Bronzezeit geht es dann im Federseemuseum in Bad Buchau weiter. Hier gibt es für den Besucher zuerst einmal eine Einführung in die wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Neuerungen der Bronzezeit – und zwar in Form eines animierten Wimmelbildes. Dann geht es – immer an der Wand entlang – von Vitrine zu Vitrine, in welchen Bronzeverarbeitung und -handel, Elitebildung, Landwirtschaft, Transport zu Wasser, Bestattungssitten, Opfer-/Kult, Schmuck und Körperpflege thematisiert werden. Entlang der vierten Wand werden schließlich ausgewählte Siedlungen am Bodensee und in Oberschwaben sowie die „Trinkstube“ (man könnte auch Kneipe dazu sagen) aus der Siedlung von Greifensee-Böschen/CH vorgestellt. Den Abschluß bildet die eisenzeitliche Fischfang-Anlage von Oggelshausen am Federsee.

Das Rad von Olzreute-Enzisholz während der Freilegung © Landesamt für Denkmalpflege

Das Rad von Olzreute-Enzisholz während der Freilegung © Landesamt für Denkmalpflege

Als echte Highlights werden in den beiden Ausstellungen nicht nur regionale Funde, wie die Kultwand von Bodman-Ludwigshafen, die Maske von Schussenried-Riedschachen oder der Dolch aus Allensbach gezeigt, sondern auch einzigartige Stücke aus dem gesamten Gebiet der Pfahlbaukulturen, wie z. B. das älteste Rad samt Achse aus Stare Gmajne/Slowenien, das Bronzerad aus Cortaillod in der Schweiz oder das Prunkbeil von Cham-Eslen/CH. Und natürlich gibt es, das ist typisch für die Ausstellung des Archäologischen Landesmuseums, Exponate zum Schmunzeln und Hinterfragen, wie Kaugummi oder Damenbinde, und für die jungen Besucher ein Suchspiel über beide Ausstellungsteile.

Wie mir persönlich die Ausstellung gefällt

Ich persönlich finde das Design der Ausstellung in Bad Schussenried sehr ansprechend. Ich mag die klare Linienführung der Vitrinen und finde, daß sie in Ihrer Farbigkeit einen gelungenen Rahmen für die naturfarbenen Exponate bilden.

Etwas für entdecker: Vitrinen in Schublaen

Etwas für entdecker: Vitrinen in Schublaen

Den Aufbau der Ausstellung finde ich abwechslungsreich. Es gibt Wand- und Tischvitrinen, manche davon stehen mitten im Raum oder sind L-förmig und ragen von der Wand aus in den Raum hinein. Im „Grünen Salon“ gibt es sogar Schubladen-Vitrinen, die den Entdeckergeist anregen.Die Beleuchtung der Vitrinen ist, mit Ausnahme des „blauen Salons“, optimal. Auch die Höhe der Tischvitrinen ist so gewählt, daß auch kleinere Besucher – ja, ich weiß wovon ich spreche! – problemlos hineinsehen können.

Ergänzt werden die Exponate durch Abbildungen, Zeichnungen und Überblicksdarstellungen. Erläuternde Texte findet man allerdings wenige – meiner Meinung nach etwas zu Wenige. Im chronologischen Teil der Ausstellung leitet eine Zeitleiste entlang der Wand den Besucher dezent durch die Zeiten und zeigt an, in welchem Zeitabschnitt man sich gerade befindet, welche Kulturen am Bodensee und in Oberschwaben zu finden waren und wie man sich Fauna und Vegetation zu dieser Zeit vorstellt. Einen Eindruck dieser Landschaft zeigen in einigen der Räume (bewußt unscharfe) wandfüllende Fotografien. Darüber hinaus gibt es in den einzelnen Räumen Bildschirm-Animationen oder Filme, die dem Besucher Hintergrundinformationen liefern. (Nicht nur) für die Generation Touchscreen gibt es mehrere elektronische Rubbelbilder, und, last but not least, vermitteln zahlreiche Modelle im Maßstab 1:15 einen Eindruck von Aussehen, Größe und Architektur der Häuser aus den Seeufer- und Moorsiedlungen.

Insgesamt macht das Ausstellungsdesign, das die Exponate in den Mittelpunkt stellt ohne dabei langweilig zu wirken, auf mich einen unaufgeregt eleganten Eindruck. Auch die Informationsmedien, wie Zeitleiste, Texte, Abbildungen und Grafiken sowie die elektronischen Medien drängen sich dem Besucher nicht auf, stehen ihm aber genau dort zur Verfügung, wo sie gebraucht werden.

Weniger gut gefällt mir hingegen Aufbau und Design der Ausstellung im Federseemuseum. Ich empfinde den Aufbau als zu einförmig und auch das helle Blau der Vitrinen als langweilig blaß. Alle Vitrinen befinden sich an der Außenwand des Gebäudes. Nur zwei Modelle und die Replik des Pfluges von Lavagnone/I verlocken den Besucher zu einem „Seitenwechsel“. Auch sind die einzelnen Themen innerhalb der Vitrinen nicht eindeutig voneinander getrennt und führen bei den Besuchern zu Verwirrung. Interaktive Medien oder Bildschirmanimationen über das Wimmelbild zu Beginn der Ausstellung hinaus sucht man ebenfalls vergebens. Stattdessen kann man sich jedoch im Freigelände des Museums die Häuser in Originalgröße anschauen und sogar von innen begutachten. Ein absoluter Pluspunkt für einen Besuch mit Kindern und Jugendlichen.

Das hätte man vielleicht noch besser machen können

Ein Blick in den "Blauen Salon"

Ein Blick in den „Blauen Salon“

Aus meiner Sicht als Archäologin gibt es nicht wirklich viel auszusetzen an dieser Ausstellung, allerdings darf man bei den meisten der Besucher nicht davon ausgehen, daß Sie mit demselben Hintergrundwissen diese Ausstellung betrachten, wie ich. Für alle, die von Archäologie noch nicht so viel Ahnung haben, würde ich mir mehr erklärende Texte und eine Einführung in die Thematik der einzelnen Räume wünschen. Es würde dem Besucher sicher auch etwas mehr Orientierung geben, wenn die einzelnen Räume eine „Überschrift“ bekämen, die dem Besucher beim oder nach dem Betreten des Raumes offeriert wird.

Im „Blauen Salon“, wo die Holzräder ausgestellt sind, ist die Beleuchtung von unten sehr unglücklich gewählt, da man, je nach Betrachtungswinkel, von den Lampen geblendet wird.

Mein Fazit

Bei aller Kritik kann ich nur allen, die sich auch nur ein klein wenig für Archäologie interessieren, dazu raten, sich diese Ausstellung anzusehen. Sie zeigt alles, was man derzeit über Feuchtbodensiedlungen und deren Bewohner sagen kann, und erklärt im forschungsgeschichtlichen Kontext Entwicklung, Stand und Arbeitsweise der archäologischen und naturwissenschaftlichen Methoden, die im Bereich der Feuchtbodenarchäologie zum Einsatz kommen.

Und für all jene, die sich einen bequemen Zugang zum Thema verschaffen oder einfach mehr darüber wissen wollen, gibt es Zusatzinformationen aus der Konserve in Form eines Audio-Guides sowie die Möglichkeit, an einer Überblicks- oder Intensiv-Führung (für Einzelbesucher oder Gruppen) teilzunehmen – live und in Farbe. – Allerdings finde ich die Bezeichnungen Überblicks- und Intensiv-Führung irreführend verwendet. Aus eigener Erfahrung sind die 60 min dauernden Überblicks-Führungen in Bad Schussenried sehr intensiv, da viele Informationen in sehr kurzer Zeit vermittelt werden sollen, während man bei den 90 min dauernden Intensiv-Führungen einen guten Überblick über das Phänomen Pfahlbauten erhält. Für eine Führung in der wesentlich kleineren Ausstellung in Bad Buchau halte ich hingegen 60 min für völlig ausreichend.

Mein Tip zum Schluß:

Die schönste Dorfkirche der Welt in Steinhausen unweit Bad Schussenried

Die schönste Dorfkirche der Welt in Steinhausen unweit Bad Schussenried

Ein Besuch in der Ausstellung kann gut mit einem Besuch auf der laufenden archäologischen Ausgrabung in Olzreute-Enzisholz oder der Besichtigung der „schönsten Dorfkirche der Welt“ in Steinhausen verbunden werden. Und natürlich sind es auch die Klosterkirchen in Bad Schussenried und Bad Buchau wert, einen Blick hineinzuwerfen.

 

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