Die „Wahren Schätze“ im Alten Schloß in Stuttgart I – Kelten

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ANTIKE

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KUNSTKAMMER

Da ist nun die neue Dauerausstellung im Landesmuseum Württemberg, die „Wahre Schätze“ seit 21. Mai 2016 eröffnet und ich habe es erst jetzt geschafft, sie mir in Ruhe anzusehen. Nun ja, „in Ruhe“ ist etwas übertrieben, denn sie ist so groß, daß man sich eigentlich dafür drei Besuche vornehmen sollte, damit man jeden der drei Teile, die „Antike“, die „Kunstkammer“ und die „Kelten“ ohne Zeitdruck ansehen kann. Ich habe mir nun erst mal einen Überblick verschafft und das, was mir am nächsten liegt, nämlich die „Kelten“ näher angesehen. Die anderen beiden Teile nehme ich bei Gelegenheit dann noch mal genauer unter die Lupe.

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Seite an Seite: der Keltenfürst von Hochdorf und der Krieger von Hirschlanden

Mit den „KELTEN“ sind hier die frühen Kelten, also die der Hallstattzeit gemeint. Es geht um die Zeit vom 8. bis zum 5. Jh. vor Chr., eine Zeit, aus der zahlreiche immens reiche Bestattungen unter großen Grabhügeln bekannt sind – und das nicht nur aus Südwestdeutschland, sondern aus einem Gebiet, das den ganzen Alpenraum umfaßte, sich im Westen bis Frankreich, im Osten bis zum Schwarzen Meer ausdehnte und im Norden bis nach Hessen und Rheinland-Pfalz sowie ins Saarland hinein reichte. In Baden-Württemberg scharen sich diese reichen „Fürstengräber“ um die beiden „Fürstensitze“ auf dem Hohenasperg und der Heuneburg, in welcher man inzwischen glaubt, die von Herodot erwähnte Stadt Pyrene gefunden zu haben.

 

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Zeugnisse früher „Forschung“

Angefangen hat hier die Forschung zu den Kelten schon im ausgehenden 19. Jh., womit dann auch in der Ausstellung der Einstieg ins Thema gemacht wird. Nun ja, genauer gesagt, wurden bereits im 16. und frühen 17. Jh. keltische Funde gemacht – und es liegt sogar noch der Bericht darüber an den Herzog vor, aber von Forschung ist man da noch weit entfernt. Ging es zu dieser Zeit doch vor allem darum, die Kunstkammern der Herzöge zu füllen.

 

 

 

Die Ausstellung

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Wunderschöne Exemplare von Alb-Hegau-Keramik aus dem Schwertgrab von Gomadingen

Der erste Raum widmet sich nun also den frühen und zugleich ältesten Prunkgräbern: dem Schwertgrab von Gomadingen aus dem 7. Jh. v. Chr. (ausgegraben 1885), dem Prunkgrab von Inzigkofen-Vilsingen aus der Zeit ab etwa 600 v. Chr. (ausgegraben 1874) und der Gießübel-Talhau-Nekropole aus der Zeit ab etwa 530 v. Chr., die auf einer zuvor abgebrannten Siedlung angelegt worden war.

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Der Einsatz elektronischer Medien erfolgt in dieser Ausstellung dezent aber an passender Stelle

Siedlungen, d.h. DIE Siedlung, die Heuneburg, von der wir inzwischen wissen, daß es sich nicht nur um eine befestigte Burg, sondern um eine stadtähnliche Anlage mit zentral gelegener Befestigung handelt, wird im hinteren Teil des Raumes vorgestellt. Hier erfährt man alles über das Leben der Bewohner, die Gesellschaft und die Handwerker, die den Großteil der Grabbeigaben hergestellt haben, aber auch von den Kontakten zu Kulturen im oberitalisch-griechischen Raum, die eine wichtige Inspirationsquelle für die keltische Kunst waren.

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Eines der Prunkstücke aus dem Fürstengrab von Eberdingen-Hochdorf: ein reich verziertes Liegemöbel aus Bronze

Die Highlights dieser Epoche folgen nun in den beiden nächsten Räumen. Zuerst breiten sich die einzigartigen Beigaben des Keltenfürsten von Eberdingen-Hochdorf vor einem aus: seine persönliche Trachtausstattung ist an einer lebensgroßen Figur zu bewundern – daneben steht, wie als Abbild der Krieger von Hirschlanden – und dann natürlich die Bronzeliege, der vierrädrige Wagen mit Pferdegeschirr und dem neunteiligen Speiseservice darauf, und schließlich die Trinkhörner sowie der Bronzekessel mit der goldenen Schöpfschale. Doch damit ist es nicht getan. Auch die Prunkgräber von Stuttgart-Bad Cannstatt, der Römerhügel bei Ludwigsburg und das Grab der Dame von Schöckingen bargen ausnehmend prächtige Funde, die hier zusammen mit den Fürsten von Hochdorf ausgestellt werden. … und sogar noch mit einer kleinen Kriminalgeschichte aufwarten können.

Der letzte Raum führt den Besucher schließlich in eine neue Zeit, denn an den Funden aus dem Kleinaspergle aus dem 5. Jh. ist bereits die Ornamentik des nun folgenden Latène-Stils deutlich zu erkennen. Der enge Bezug zu den Kulturen des Mittelmeerraumes zeigt sich jedoch nicht nur in der Ornamentik sondern auch in Form von Importen, wie den beiden rotfigurig bemalten Trinkschalen.

Das Design und der dramaturgische Aufbau

P1060749 Die Ausstellung empfängt den Besucher in einer hellen und klaren, in kühlem Grau gehaltenen Atmosphäre, die zugleich ein Gefühl von Ruhe und Weite ausstrahlt. Nichts lenkt beim Betreten des Raumes den Blick des Besuchers weg von der direkten Blickachse, die im zweiten Raum beim Keltenfürst von Hochdorf und dem Krieger von Hirschlanden endet. Rechts und links dieser Blickachse, die mich spontan an die Prozessionsstraße erinnerte, die auf das Fürstengrab vom Glauberg zuführt, stehen drei Tischvitrinen, deren Unterbau an hölzerne Grabkammern erinnern, wie sie aus den Grabhügeln dieser Epoche bekannt sind. Sie sind den frühesten Fürstengräbern gewidmet.

Im hinteren Teil des Raumes bilden von rechts und links in den Raum hineinragende Vitrinenwände eine Art Tordurchlaß, durch welchen man in das Heiligste, in die Grabkammer des Keltenfürsten von Hochdorf gelangt.

P1060884Hier dominieren die Farben Schwarz und Rot, das Licht ist stark reduziert und im Wesentlichen auf die Beleuchtung der Funde fokusiert. So entsteht eine fast sakral anmutende Atmosphäre, in welcher nicht nur die prächtigen Goldhalsringe ihren glanzvollen Auftritt haben.

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Im Zentrum: die Funde aus dem Kleinaspergle

Mit dem letzten Raum betritt der Besucher schließlich eine ganz andere Welt. Man hat den Eindruck in einer Bretterbude gelandet zu sein. Es ist dunkel, die Wände sind schwarz und nur durch die Ritzen zwischen den senkrechten Wanddielen fällt Licht. Mitten in diesem runden Raum steht eine große, über Eck gebaute Vitrine, in welcher die Funde aus der Nebenkammer des Kleinaspergle präsentiert werden. Während das Zentralgrab vollständig beraubt gewesen war, förderte die von Oscar Fraas bergmännisch durchgeführte Grabung unter anderem ein Trinkservice für zwei Personen, bestehend aus Trinkschalen, Trinkhörnern, Rippenciste, Kleeblattkanne und Stamnos, zutage, die hier gezeigt werden..

Mein Fazit

Mir persönlich gefällt diese Ausstellung sehr gut. Sie verbindet die klare und konkrete Vermittlung von Wissen mit einem dramaturgisch spannenden Aufbau. Die Gestaltung der Vitrinen ist abwechslungsreich und die Auswahl der Exponate gelungen. Zahlreiche Texttafeln füttern den Besucher mit fundierten Background-Informationen ohne wissenschaftlich trocken daher zu kommen und elektronische Medien ergänzen diese dezent und zielgenau dort, wo Text- und Bildmedien die Aufmerksamkeit der Besucher eher strapaziert denn angeregt hätten. Trotzdem ist es keine Mitmach-Ausstellung. Abgesehen von den Touchscreen-Medien gilt hier „Anfassen verboten“. Dafür mögen manche einen Minus-Punkt vergeben. Ich empfinde es inzwischen eher als entspannend, wenn ich einmal nicht ständig zum aktiven Mitmachen animiert werde und einfach nur in Ruhe schauen und lesen darf.

Zwei Kritikpunkte muß ich dann aber doch noch ansprechen, die mir persönlich nicht gefallen haben: Zum einen mag ich keine dunklen Ausstellungen. Gut, das mag ja alles sehr spannend, mysteriös und edel wirken, wenn in einem Raum nur die Exponate beleuchtet werden, aber ich fühle mich in solchen dunklen Räumen einfach nicht wohl. Ich persönlich hätte mir daher im zweiten und dritten Raum etwas mehr Licht gewünscht.

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Diese Vitrine ist mir zu hoch (Foto: Name bekannt)

Zum anderen ärgere ich mich, wenn ich mich auf die Zehenspitzen stellen muß, um in die Vitrinen sehen zu können. Ja, ich weiß, daß ich mit knapp über 1,50 m Körpergröße nicht wirklich dem Durchschnittsmaß entspreche, aber gerade bei Tischvitrinen müßte es doch möglich sein, ihre Höhe eher an die kleineren als an die größeren Besucher anzupassen – 10 cm würden ja schon reichen!

Alles in allem, finde ich, ist die Ausstellung  aber sehr gelungen und ich freue mich, sie immer wieder anschauen und auch anderen Besuchern zeigen zu können.

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