EVAs BEAUTY CASE

Venus von Milo: (Foto: Jastrow (2007), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1999030)

Venus von Milo: (Foto: Jastrow (2007), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1999030)

Ja, Sie sind schon richtig! Das ist ein Kultur-Blog und kein Fashion- Lifestyle- oder Beauty-Blog. Und trotzdem geht es heute in meinem Blog-Beitrag genau darum. Allerdings nicht als Ratgeber für das neueste outfit, sondern als Tipp für einen Ausstellungsbesuch – kurz vor knapp sozusagen.

Ich stelle heute hier die Ausstellung „EVA’s BEAUTY CASE – Schmuck & Styling im Spiegel der Zeiten“ vor, die noch bis zum 22.1.2017 im LVR LandesMuseum in Bonn gezeigt wird, also nicht mehr lange. Ich habe die Ausstellung Ende November besucht und war wirklich sehr angetan. Aber nun der Reihe nach.

Worum geht’s?

Der Titel sagt schon viel, gibt aber nur einen Teil der Wahrheit preis. Denn es geht nicht allein um Aussehen und Inhalt der, um es mal altmodisch auszudrücken, „Kultur-Tasche“ oder des „Necessair“, sondern um nahezu alles rund um das Thema Schönheit und Schönheitsideal, und zwar von der Altsteinzeit bis in die Moderne. Sie führt uns anhand allerlei Utensilien und bildlichen Darstellungen vor Augen, daß das Streben nach Schönheit ein elementarer Teil der menschlichen Kultur ist. Darauf deutet schon der Begriff „Kultur-Tasche“ hin, während „Necessair“ eher die unbestreitbare Notwendigkeit dieses Behältnisses und dessen Inhalt in den Vordergrund stellt. Auch wenn die inneren Werte schon immer, d. h. nachweislich natürlich erst seit der Etablierung der Schrift, sehr gepriesen wurden, so wird doch klar, daß der Mensch mit nicht unerheblichem Aufwand danach strebte und strebt, einem sich über die Zeiten wandelnden Schönheitsideal zu entsprechen. Die in der Ausstellung präsentierten Exponate erzählen nun, welche Werkzeuge, Mittelchen und Tricks dabei zum Einsatz kamen und zeigen uns indirekt, welchem Idealbild man entsprechen wollte.

Unsere Reise durch die Geschichte der Schönheit …

Die Venus von Willendorf aus dem Gravettien (vor ca 25.000-35.000 Jahren)

Die Venus von Willendorf aus dem Gravettien (vor ca 25.000-35.000 Jahren)

… beginnt mit zwei Schönheiten, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: der Venus von Willendorf, einer ca. 30.000 Jahre alten Frauenfigur aus Niederösterreich und der Venus von Milo, die aus dem 2. Jh. v. Chr. stammt. Sie zeigen eindrücklich, wie unterschiedlich der Begriff „Schönheit“ interpretiert werden kann. Ehrlicherweise muß ich aber wohl anmerken, daß die Venus von Willendorf eher das Ideal einer Frau in ihrer Funktion als Mutter darstellt, deren körperlichen Merkmale ihrer Fruchtbarkeit im Vordergrund stehen.

 

BEAUTYCASES

Mutter-Idol hin, Mutter-Idol her, wir glauben dennoch zu wissen, daß frau sich auch schon vor 30.000 Jahren schmückte. Ihr „beautycase“ könnte aus einem Lederbeutel bestanden haben, das Muscheln, Tierzähne, Fischwirbel und andere Jagdtrophäen enthalten hat, wie man sie „relativ“ häufig im steinzeitlichen Fundmaterial findet. Sind diese dann auch noch durchbohrt, ist dies ein starker Hinweis darauf, daß sie als Schmuckanhänger getragen wurden. Von wem, Mann oder Frau, sie getragen wurden, entzieht sich allerdings unserer Kenntnis.

Kaiserin Josephines Toiletten-Kästchen

Kaiserin Josephines Toiletten-Kästchen

Das Aussehen der Schönheits-Köfferchen in den jüngeren Zeiten, sagen wir mal ab den Ägyptern, ist hingegen besser erforscht. Einige besonders prächtige Exemplare aus Ägypten, Griechenland, dem Römischen Reich und dem frühmittelalterlichen Rheinland zeigen neben dem exklusiven Toiletten-Kasten der französischen Kaiserin Josephine (1763-1814) aus dem Jahre 1795, einem luxuriösen Exemplar aus dem Hause Lois Vuitton

 

Unter Terrorverdacht: Das seit den 1970ern verwendete Beautycase (hinten rechts)der Stewardessen wurde nach dem 11. September 2001 durch ein sehr durchschauberes Exemplar (vorne links) ersetzt

Unter Terrorverdacht: Das seit den 1970ern verwendete Beautycase der Stewardessen (hinten) wurde nach dem 11. September 2001 durch ein sehr durchschauberes Exemplar (vorne) ersetzt

und zwei beautycases, wie sie von Stewardessen verwendet wurden und seit 2001 verwendet werden, die Entwicklung solcher Accessoires von „exklusiv“ zu „funktionel“.

 

SCHMUCK …

…. In Hülle und Fülle erwartet den Besucher im Obergeschoß, und zwar so viel, daß ich hier gar nicht auf alle Exponate, die ich für erwähnenswert halte, eingehen kann. Daher beschränke ich mich auf einige wirklich außergewöhnliche Stücke. Hier meine 4 Favoriten:

Die Goldhalsringe aus dem kletischen Fürstinnengrab von Waldalgesheim

Die Goldhalsringe aus dem kletischen Fürstinnengrab von Waldalgesheim

Platz 1 belegen eindeutig die keltischen Goldhalsringe aus dem Fürstinnengrab von Waldalgesheim. Sie gelten nicht nur als Schmuckstücke, sondern auch als Symbole der Macht und beweisen damit, daß Macht nicht den Männern vorbehalten war. – Gut, ich gebe zu, die Ringe von Erstfeld sind noch schöner, aber die sind hier leider nicht zu sehen. Dazu muß man nach Zürich fahren.

 

Armreif mit Portraidt dea Kaisers Elagdal

Armreif mit Portraidt dea Kaisers Elagbal

Auf Platz zwei meiner Favoritenliste folgt der Schlangenarmreif mit dem Portraitmedaillon des jungen Kaisers Elagabal (204-222) aus Bronze und Silber. Es rührt mich auf unergründliche Weise an, auch wenn es sicherlich viele Stücke von höherer handwerklicher und künstlerischer Qualität unter den römischen Stücken gibt. Aber Schönheit liegt eben auch im Auge des Betrachters.

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frühmittelalterliche Scheibenfibeln mit almandineinlagen

Platz 3 belegt nicht ein einzelnes, sondern eine ganze Gruppe von Schmuckstücken, die mich durch ihre Feinheit, Farbigkeit und Formenvielfalt begeistern, seit ich ihnen im Studium erstmals begegnete: Die frühmittelalterlichen Almandinscheibenfibeln. Als Kleiderverschluß waren sie nicht nur schön, sondern auch praktisch. Das gefällt mir!

Nur keine falsche Bescheidenheit bitte!

Nur keine falsche Bescheidenheit bitte!

Der vierte Platz schließlich gehört zuletzt einem Stück, das in meinen Augen weniger durch Eleganz als vielmehr durch seine pompöse Pracht und seinen schier unermesslichen Materialwert besticht. Das Bernsteincollier von Niederzier-Hambach aus einem römischen Frauengrab der 2. Hälfte des 3. Jh. n. Chr. Die Kette ist ca. 70 cm lang und trägt eine Traube von 16 cm Länge. Bedenkt man, daß Bernstein zu den wertvollsten Rohstoffen für Schmuck zählt, kann man ungefähr abschätzen, welch immenser Reichtum mit dieser Kette zur Schau gestellt wurde.

 

HAARPFLEGE & KOSMETIK

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Männer im Frühmitelalter – stolz und eitelt

Schmuck der ganz natürlichen Art können dagegen auch Haut und Haare sein – sofern man Zeit, Mittel und Möglichkeiten hat, sie zu pflegen. War man nicht mit natürlicher Schönheit gesegnet, gab es zu allen Zeiten Mittel und Wege, nachzuhelfen. Mit Wässerchen und Salben, Pasten und Pülverchen – und, wenn selbst der beste Friseur nichts mehr ausrichten konnte, auch mit „Ersatzteilen“, sprich Perücken, falschen Zöpfen und Haarteilen. Schon bei den Römerinnen standen Haarteile aus blondem Frauenhaar (Import aus Germanien) hoch im Kurs. p1080900Die Ausstellung bietet hier einen wirklich fundierten Überblick, was zu welchen Zeiten IN war und womit man sich seinem Ideal näherte. – In frühmittelalterlichen Gräbern findet man übrigens Kamm, Pinzette und anderes Toilettenbesteck vor allem in Männergräbern. Auf ihre langen Haare als äußeres Erkennungszeichen des freien Mannes waren sie so stolz, daß sie sich sogar beim Kämmen verewigen ließen, wie der Grabstein aus Niederdollendorf belegt.

 

DUFTENDE KOSTBARKEITEN

Zum Schluß widmet die Ausstellung ihre Aufmerksamkeit dem Duft. Wer ein Faible für das Sammeln von Flacons hat, sollte sich unbedingt einmal ansehen, in welch filigrane, wunderschone und außergewöhnliche Behältnissen Ägypter und Römer diese kostbaren Duftessenzen aufbewahrten.

Parfum: die Flacons waren oft genauso wertvoll wie ihr Inhalt

Parfum: die Flacons waren oft genauso wertvoll wie ihr Inhalt

Beispiele dafür sind die Glasfläschchen in Gestalt eines Vögelchens oder Fläschchen aus Alabaster. Und die Nachfrage nach solchen Duftölen muß immens gewesen sein, auch wenn der römische Autor Plautus behauptet haben soll, daß eine Frau dann gut rieche reiche, wenn sie nach nichts rieche. Er scheint hier nicht die mehrheitliche Meinung zu teilen, die bis heute vorherrscht. Denn nach wie vor ist die Nachfrage nach Parfum ebenso och wie die Bereitschaft, dafür viel Geld auszugeben.

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Genau hier greift die Ausstellung dann auch tatsächlich bis in unsere Zeit aus, indem sie uns die bevorzugten Parfums bekannter Persönlichkeiten, wie Sean Connery alias James Bond 007, Marylin Monroe, Indira Gandhi, Marlene Dietrich sowie Kaiser Napoleon Bonaparte und seiner Gemahlin Kaiserin Josephine, vorstellt – als Riechproben. Sehr spannend! Für mich aber auch etwas ernüchternd, wie im Fall von Sean Connery. Bei seinem Parfum-Geschmack ist es mir schon lieber, daß dieser Aspekt seiner Persönlichkeit im Film nicht wiedergegeben wird.

Der Aufbau der Ausstellung …

… ist, wie vom LVR LandesMuseum gewohnt klar und übersichtlich in verschiedene Themenbereiche gegliedert, in der Gestaltung abwechslungsreich und anregend. Besonders gut hat mir gefallen, daß auf umfangreiche Texte weitestgehend verzichtet wird und die Hintergrundinformationen vor allem im Mediaguide zu finden sind. Zusätzlich kann der Besucher ein Booklet nutzen, das ihm Informationen zu den Exponaten bereitstellt. Es ist kostenlos und liegt an der Ausgabetheke für die Mediaguides bereit. Auf Beschriftungen in den Vitrinen konnte so weitestgehend verzichtet werden.

Mein Fazit:

Die Ausstellung ist absolut empfehlenswert. Neben vielen schönen Exponaten bietet sie einen fundierten und unterhaltsamen Überblick über das Thema Schönheit und Schönheitsideal von der Steinzeit bis in die Moderne – so gut gemacht, daß sie sogar die Teilnehmer eines Spanischkurses derart in ihren Bann zog, daß diese, in kleinen Grüppchen und voller Eifer, mit dem Booklet von Vitrine zu Vitrine gingen und versuchten zu erschließen, was mit Gaget, Almandin, Fibel, … gemeint ist. Für Menschen, die sich noch nie mit Archäologie beschäftigt haben, keine leichte Aufgabe, denn eigentlich, so erzählten sie mir, waren sie ja gekommen, um sich einen spanischen Film anzusehen, der leider ausfallen mußte. Als Trost hatte man ihnen freien Eintritt in die Ausstellung gewährt. – Ich glaube sie kommen wieder, dann aber, um sich eine Ausstellung anzusehen. Denn nichts spricht mehr für die Qualität einer Ausstellung, als daß sie Menschen in ihren Bann zieht, die sie eigentlich gar nicht sehen wollten.

 

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3 Gedanken zu „EVAs BEAUTY CASE

    1. ikarissima Autor

      Liebe Frau Müller,
      da brauchen Sie nicht rot zu werden. Für gute Arbeit braucht man sich nicht zu schämen 😊. Machen Sie weiter so! Ich komme immer wieder gerne ins LVR Landesmuseum.
      Herzliche Grüße
      Iris Kauffmann

      Gefällt 1 Person

      Antwort
  1. Pingback: Kurzwaren: Links und Infos Nummer 20 | Textile Geschichten

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